Werkzeugkasten für den Umbau der Erft
Vier bereits umgestaltete Abschnitte zeigen, wie unterschiedlich die Erft weiterentwickelt werden kann. Ihre Erfahrungen mit Gewässerverlegung, Auenanbindung, Hochwasserrückhalt und Strömungslenkung bilden einen Werkzeugkasten für weitere Vorhaben, ohne die örtliche Planung zu ersetzen. Die Renaturierung der Erft in Neuss-Gnadental ist sogar preisgekrönt.
1. Vogelwäldchen
Status: umgesetzt
Maßnahme: Abschnitt 23 des Perspektivkonzeptes
Fokus: Renaturierung
Ort: Bergheim-Kenten
Baubeginn: Februar 2013
Fertigstellung: Dezember 2013
Flusslänge: vorher 650 m, nachher 1,3 km
2. Gnadental
Status: umgesetzt
Maßnahme: Abschnitt 1 des Perspektivkonzeptes
Fokus: Renaturierung
Ort: Neuss-Gnadental
Baubeginn: Oktober 2021
Fertigstellung: August 2022
Flusslänge: vorher 0,6 km, nachher 1,8 km
3. Bedburg
Status: umgesetzt
Maßnahme: Abschnitt 18 des Perspektivkonzeptes, Wasserrahmenrichtlinie
Fokus: Entfesselung, Gewässeraufweitung, Hochwasserschutz
Ort: Sekundäraue Bedburg
Planungsbeginn: 2012
Fertigstellung: 2016
Flusslänge: unverändert 0,3 km
4. Frimmersdorf
Status: Teilabschnitte 1 – 4 umgesetzt
Maßnahme: Abschnitt 15 des Perspektivkonzeptes
Fokus: Eigendynamische Entwicklung
Ort: Grevenbroich-Frimmersdorf
Baubeginn: Teilabschnitt 1: Dezember 2009
Fertigstellung: Teilabschnitt 4: März 2021
Flusslänge: unverändert 1,8 km
Die Praxisbeispiele im Detail
1. Renaturierung der Erft im Vogelwäldchen
Ende 2013 war die Verlegung der Erft bei Bergheim-Kenten abgeschlossen. Ziel der Maßnahme war der Bau eines neuen 1,3 Kilometer langen mäandrierenden Flusslaufes für die Erft. Die Gestaltung orientierte sich dabei am Leitbildtyp eines „kiesgeprägten Flusses des Tieflandes“. Um die Versickerung in den Untergrund zu begrenzen, wurde eine mineralische Abdichtung der Gewässersohle vorgenommen. Der geradlinig und gleichförmig gestaltete, durch Wasserbausteine „gefesselte“ Flutkanal wurde auf 630 Meter aufgegeben und verfüllt. Dieser Abschnitt ist einer der ersten großen Bausteine des Perspektivkonzepts Erft 2045. Innerhalb von rund fünf Monaten entstand der neue, naturnah gestaltete Gewässerlauf der Erft.
Im November 2013 wurde die Erft feierlich in ihr neues Bett umgeleitet. Im Dezember erfolgte der vollständige Umschluss, und die Arbeiten zur Verfüllung des alten Gewässerverlaufs sowie die Fertigstellung der neu angelegten Wege im Auenbereich konnten beginnen. Auf dem ehemaligen Flutkanal und weiteren Flächen wurden daraufhin circa 2,3 Hektar Wald aufgeforstet.
Die Maßnahme verbessert den ökologischen Zustand des Gewässers und den Hochwasserschutz und wertet gleichzeitig einen beliebten Naherholungsraum auf. Der Fluss darf sich seitdem eigenständig weiterentwickeln: Eingebautes Totholz fördert natürliche Erosions- und Ablagerungsprozesse, sodass sich schon kurz nach der Umleitung erste Uferabbrüche zeigten. Für Fische und andere Wasserlebewesen ist der Abschnitt heute frei durchwanderbar und er bietet zahlreichen Tier- und Pflanzenarten neue Lebensräume.
Das Pilotprojekt stieß auf große öffentliche Resonanz: Geführte Besichtigungen der Baustelle waren gut besucht, und Presse sowie Regionalfernsehen berichteten ausführlich.
2. Renaturierung der Erft in Neuss-Gnadental
In Neuss-Gnadental hat der Erftverband die Erft zwischen Oktober 2021 und August 2022 grundlegend umgebaut. Aus 0,6 Kilometern geradem Flusslauf wurden 1,8 Kilometer mit deutlich mehr Windungen. Ein zentraler Baustein der Maßnahme ist der neue Fischpass kurz vor der Mündung in den Rhein. Frühere Ausbauten der Erft und die Eintiefung des Rheins hatten den Fluss hier tief ins Gelände einschneiden lassen, sodass die Aue komplett vom Fluss abgekoppelt war – selbst seltene Hochwasser erreichten sie nicht mehr. Mit dem neuen Fischpass wurde die Flusssohle um fast zwei Meter angehoben. So wird die Aue bei Hochwasser wieder regelmäßig überflutet und Wanderfische wie Lachs und Aal können wieder vom Rhein aus erftaufwärts schwimmen.
Noch während der Fischpass entstand, legte der Erftverband die neuen Erftabschnitte an – mit zahlreichen Strukturen, die dem Fluss von Anfang an eine eigendynamische Entwicklung ermöglichen sollen. Nach Abschluss der Bauarbeiten begann die Gestaltung der Aue: Teile davon entwickeln sich von selbst wieder zu Wald, ehemalige Ackerflächen werden mit Mahdgut aus anderen Auen zu artenreichem Grünland. Wechselfeuchte Bereiche bieten zusätzlichen Lebensraum für Amphibien, und dank der geringeren Einschnitttiefe wird die neue Aue heute deutlich häufiger überflutet als zuvor.
Nur knapp vier Jahre nach der Fertigstellung der Renaturierung zeigt das Ergebnis der aktuellen Gewässerstrukturgütekartierung des Landes NRW, dass die Erft hier wieder die Gestalt eines unveränderten bis nahezu unveränderten natürlichen Gewässers erreicht hat.
Dieses Projekt wurde ausgezeichnet: Im Rahmen der UN-Dekade zur Wiederherstellung von Ökosystemen (2021–2030) kürten das Bundesumweltministerium und das Bundesamt für Naturschutz die Erftverlegung Neuss-Gnadental zu einem der drei besten Projekte Deutschlands in der Kategorie Gewässer und Auen.
3. Entfesselung und Aufweitung der Erft in Bedburg
An der Erft in Bedburg legte der Erftverband im Sommer 2014 eine sogenannte Sekundäraue an. Hierfür wurde das Gelände am rechten Ufer der Erft auf einer Länge von zirka 500 Metern und auf einer Breite von rund 25 Metern abgesenkt und dafür das Erdreich rund drei Meter tief abgetragen. Bei Hochwasser dient die so gewonnene Fläche als naturnaher Rückhalteraum. Die Maßnahme ist Teil des Perspektivkonzepts Erft 2045, mit dem der Fluss nach dem Ende des Braunkohlentagebaus naturnah gestaltet werden soll.
Die Erft verläuft hier gestreckt im südlichen Stadtgebiet von Bedburg. Im Umfeld befinden sich die Flächen der ehemaligen Zuckerfabrik Bedburg sowie die hierzu gehörigen Klärteiche. Darüber hinaus grenzen die Siedlungsflächen von Bedburg bis an das Gewässer an. Vor der Maßnahme waren keine naturnahen Strukturen in Form von Altgewässern und naturnahen Gehölzstrukturen vorhanden. Im südlichen Bereich dieses Abschnitts befindet sich rechtsseitig der Erft eine Kläranlage. Im Umfeld dominieren die Siedlungs- und Verkehrsflächen der Stadt Bedburg. Im Bereich der ehemaligen Zuckerfabrik Bedburg befinden sich größere Einkaufsmöglichkeiten.
Ein Ziel des Umbaus war die Ausbildung eines nutzungsfreien Uferstreifens. Außerdem soll sich das Fließgewässer innerhalb eines ca. 20 Meter breiten Migrationskorridors östlich der Erft bedingt eigendynamisch entwickeln.
Die neue Sekundäraue übernimmt künftig eine wichtige Aufgabe: Bei Hochwasser dient sie als natürlicher Rückhalteraum. Gleichzeitig kann sich der Fluss auf einem rund 20 Meter breiten Korridor östlich der Erft freier entwickeln. Die vorhandenen Uferbefestigungen wurden entfernt, sodass sich unterschiedliche Böschungsneigungen und mit der Zeit auch ein naturnaher Uferstreifen ausbilden können – soweit es die beengten Platzverhältnisse in der Stadt zulassen.
4. Eigendynamische Entwicklung ermöglichen in Frimmersdorf
Bis 2021 baute der Erftverband die Erft an der Frimmersdorfer Höhe in Grevenbroich Stück für Stück um. Mit dem jüngsten, rund 450 Meter langen Abschnitt schloss sich die letzte Lücke: Auf insgesamt 1,8 Kilometern Länge – von der ehemaligen Baggertransporttrasse bis zur K 39 – ist der Fluss durchgängig naturnah gestaltet.
Die Arbeiten übernahm der Erftverband mit eigenem Personal und einem gemieteten 40-Tonnen-Kettenbagger. Zunächst wurde ein rund drei Meter breiter Streifen am rechten Ufer von Bewuchs befreit, größere Bäume blieben dabei möglichst stehen. Danach entfernte das Team Rasengittersteine aus Beton, die dort in den 1970er-Jahren zur Ufersicherung verbaut wurden. Die dabei gewonnenen Wasserbausteine erhielten sogleich eine Wiederverwendung: Sie lenken heute als Buhnen die Strömung im neuen Flussbett.
Durch gezielte Abgrabungen entstanden Flachwasserzonen und Steilwände – Lebensräume, die vorher komplett fehlten. Aus dem dabei anfallenden sandig-kiesigen Material formte das Team im Windschatten der Buhnen kleine Inseln und wechselfeuchte Flächen, die Fischen und Amphibien als Laichplätze dienen.
Wie gut das funktioniert, zeigen die schon länger fertiggestellten Abschnitte: Buhnen, Inseln und Uferabbrüche haben ein abwechslungsreiches Gewässer mit unterschiedlichen Strömungen geschaffen, das rasch von Tieren und Pflanzen besiedelt wird. So waren etwa in den Steilufern gleich mehrere bewohnte Eisvogel-Bruthöhlen zu beobachten.

